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Nur das Trugbild
unserer falschen
Freiheit.

An ugly kind of passion <3 

Eigentlich erwartete ich nicht wirklich, dass der Fremde mich mitnehmen würde, als ich mit ausgestrecktem Daumen an dieser gottverlassenen Straße stand. In der Ferne zeichnete sich die Shilouette der Stadt ab, der Asphalt ließ die Luft in der Mittagshitze Flimmern. Während das rote Auto langsam am Straßenrand ausrollte, schulterte ich erleichtert meine Tasche. Ich hatte schon befürchtet, ich würde noch lange hier stehen müssen. Freundlich lächhelnd öffnete ich die Beifahrer Tür und sah mich einem Mann gegenüber, der vielleicht Ende zwanzig sein mochte. Er trug sein Haar bis knapp über die Ohren, schwarz war es und gepflegt. »Hey«, meinte ich etwas lauter als nötig, »nett, dass sie mich mitnehmen. Könnten Sie mich in der nächsten Stadt absetzen?« Ich erinnerte mich daran, eine fremde Kennung auf seinem Nummernschild gesehen zu haben. »Wenn Sie noch weiter Richtung Küste fahren, und es Ihnen nichts ausmacht...« Plötzlich wandt er mir den Kopf zu, nickte und deutete auf den Beifahrersitz. Im selben Moment, in dem ich über seine strahlend blauen, kristallklaren Augen staunte, realisierte ich, dass ich noch immer in der Tür stand. Schnell ließ ich mich auf den Autositz sinken und zog die Tür zu. Das Geräusch des startenden Motors liess kurze Zweifel in mir aufkeimen. Sicher, es bestand immer Gefahr an den Falschen zu geraten, aber ich war förmlich mein ganzes Leben getrampt, und hatte mich bisher immer zu wehren gewusst. Dennoch leicht beunruhigt, tastete ich nach dem Pfefferspray in meiner Tasche. Sollte der seltsame Fremde etwas bemerk haben, zeigte er es nicht. Bis jetzt hatte er kein Wort gesprochen und mir fiel erst nun auf, dass das Radio leise lief. Die weiche Stimme einer Frau plätscherte aus den Lautsprechern. Aus reinem Interesse suchte ich nach der Anzeige für die Frequenz, auf der der Sender lief. Jedoch war nirgends auf dem Amaturenbrett ein Radio zu sehen. Ich war überrascht, nirgends einen Hinweis auf das Gerät zu entdecken.
»Haben sie das heute bereut?« Wieder eine Stimme, diesmal eine andere Frau. Warum wusste ich nicht, aber es interessierte mich, worüber sie sprachen.
»Natürlich habe ich es bereut. Mein Widerstand hat die Vernunft ertränkt« - mein Blick glitt hinaus und ich beobachtete, wie die Straße vorbei flog.
»Ich wollte damals einfach nicht verstehen, dass man Opfer bringen muss, um zu rebellieren. Eigentlich hab' ich gedacht, ich könnte einfach losziehen und der Welt die kalte Schulter zeigen. Mein eigenes Ding machen, eben - und dann irgendwann würden die Leute verstehen.«
»Und?«
»Was?«
»Nun, haben die Leute verstanden?«
»Nein, nie. Wie auch? Ich war ja allein. Und beinahe am anderen Ende der Welt.«
»Was würden sie heute machen, wenn sie noch einmal die gleichen Möglichkeiten hätten?«
»Ich würde bleiben. Damned, - ich würd bleiben und ihnen von innen heraus die Hölle aufmischen. Ausserdem...«
... bleiben ... von innen heraus ... Die Wortfetzen des seltsamen Interviews blieben mir im Gedächtnis hängen. Die Frau klang überzeugt, von dem was sie sagte, ja, man könnte fast sagen, sie klang weise. Als hätte sie ihre Erfahrungen gemacht, und wüsste, dass es niemandem, der ihren Weg folgen würde, anders gehen wird.
»Wie meinen Sie das?«
»Naja. Sie müssen sich vorstellen, dass ich immer wieder versucht habe, meine Meinung unter die Leute zu bringen. In jeder Stadt, in die ich kam. Und irgendwann habe ich einen Mann getroffen, der aussah, wie jeder aussah, - aber er dachte anders. Er war... ja, ein Freidenker, und er hatte verdammten Erfolg damit. Die Leute verstanden ihn nicht, aber sie wussten, dass er Recht hatte, und sie wussten, dass es nicht gut war, wie es war. Manchmal fragte ich mich, nachdem ich weitergezogen war, warum ich nie so viel erfolg hatte, warum mein Verhalten und mein Aussehen für sich sprechen sollten, für den Aufstand. Und irgendwann wurde mir klar, dass mir niemand zuhören würde, wenn ich immer nur aus der Fremde käme.«
»Also sind sie wieder in ihre Heimat zurückgekehrt?«
»Nicht sofort. Ich brauchte lange, um diese Erkenntnis zu akzeptieren, und fast noch länger, um mich dafür zu wappnen, wieder umzudrehen. Aber es hat mir gezeigt, dass wir das immer können - Umkehren. Es führt in unserem Leben eigentlich immer ein Weg zurück... Wir leugnen das nur, weil wir uns gar nicht trauen zurück zu gehen. Aber wir müssen es. So viele Menschen erzählen, sie hätten einen Neuanfang gemacht, und wurden irgendwann von der Vergangenheit eingeholt. - Der Grund dafür ist, dass ihr Neuanfang an dem Punkt begann, an dem sie stehen blieben. Aber sie müssen zuerst zurück gehen, und dann neu beginnen... dann wird es nicht geben, was sie einholen kann.«
Draußen setzte der Regen ein, benetzte die Fensterscheiben mit kleinen Tropfen. Das Muster, das sich daraus ergab, zog meinen Blick auf sich.
»Aber die Revolution, die sie sich erhofften, blieb aus?«
»Ja, das ist wahr. Und in Relation zu meinem Vorbild, dazu war jener Mann inzwischen geworden, blieb mein Erfolg immer gering. Womöglich habe ich zu spät angefangen. Eine Abzweigung im Leben verpasst, und als ich eben zurückgegangen bin, um abzubiegen, waren die anderen schon weitergezogen. Meinen Neuanfang hatte ich also, meine Ideale sind jedoch ohne Frucht geblieben.«
»Ihre Ideale? Was meinen Sie damit?«
»Freiheit. Die, die wir nicht haben, die uns nur vorgespielt wird. Angeblich leben wir doch alle in einem offenherzigen, freundlichen Staat, voller Toleranz, der nur straft, wer anderen zu leide tut. Wenn man unsere Richter betrachtet, mag das auch so sein. Aber wenn man auf die einzelnen Menschen eingeht, auf kleine Gruppen und das Denken der Gesellschaft im speziellen ist es eine Lüge. Sobald sie zu einer Minderheit gehören, Außenseiter sind und ihre eigene Vorstellung vom Leben haben, stossen sie auf Abneigung, Antipathie. Denn die Menschheit ist ignorant und dumm. Und sie ist es schon immer gewesen.«
»Und wie kann man das ihrer Meinung nach ändern?«
»Das war ja mein Problem. Wie gesagt, ich dachte, ich könne los ziehen und allen die Wahrheit verkünden. Aber, Leute, glaubt mir: Das beste ist, einfach zu leben, zu sein wie man ist, inmitten von ihnen. Die Werte anderer sollten keine Bedeutung für einen individuellen Menschen haben, und was ich gelernt habe, ist, dass man sich nicht an einen Glauben, eine Einstellung verbittert festkrallen sollte: Auch die eigene Überzeugung braucht einmal eine Generalüberholung. Und manche Situationen fordern Dinge, die eigentlich nicht mit deinem Denken vereinbar sind. Einige sehen das als schrecklich an, tuen dann etwas, von dem sie genau wissen, dass es falsch ist, aber wenigstens ihrer Einstellung entspricht. Das ist Shit. Man sollte einfach Leben, verstehen Sie? Einfach leben, und das tun, was man für am besten hält. Alles andere bringt nichts, - wenn man versucht, alles nach der für sich selbst definierten Einstellung zu richten, ist man am Ende nicht verblendeter als alle anderen auch.»
Auch ich verpasste so eben eine Abzweigung. Das wurde mir klar, als ich dieses seltsam weiche Stimme aus dem Radio hörte, und diese namenlose Frau von ihrem Leben erzählte. In vielerlei Hinsicht hatte ich das. Draußen, im Regen, rauschte das Schild vorbei, dass die Straße, die hier links abbog, als den Weg zur nächsten Stadt auszeichnete. Wir fuhren daran vorbei. Ich blickte den Mann auf dem Fahrersitz an. Er war noch immer stumm geblieben, fuhr, den Blick starr auf die Straße gerichtet. Es war fast beängstigend.
»Mister?« Keine Reaktion. »Sie können mich auch ruhig schon eher rauslassen, in der nächsten Stadt, durch die wir fahren, meine ich...« Mein Herz pochte, so laut, dass ich fast befürchtete man würde es hören und der Fremde schwieg immer noch.
»Glauben sie denn, dass es heute noch viele Jugendliche so machen werden, wie Sie?«
»Ja, ich befürchte schon, dass das weiterhin so sein wird. Was ich gemacht habe war nicht lobenswert. Ich bin schlicht und einfach vor der Verantwortung davon gelaufen.«
»Welche Verantwortung trugen sie denn, wenn sie doch von innerer Freiheit erzählen?«
»Frei zu sein, spricht einen nicht von jegweiliger Verantwortung frei. Man ist immer für irgendetwas verantwortlich. Für die Menschen und Dinge die einem etwas bedeuten, für andere, die sonst niemanden haben, der diese Rolle einnimmt... Und wir sind für unsere Welt verantwortlich. Ja, das ist das wofür ich damals schon die Menschen anprangerte, dass sie diese Verantwortung vergessen würden. Heute habe ich erkannt, dass meine Flucht damals nicht weniger schändlich war, als das Verhalten der Leute in meiner Umgebung.«
»Und was hat sie das gelehrt?«
»Es hat mich das Leben und zu Lieben gelernt, ... denn beides sind Dinge, für die man bereit sein muss, Verantwortung zu tragen. Sich Freheit zu erkämpfen, aber sich ebenfalls durch den Balanceakt zu ringen, nicht zu stürzen und andere im Kampf um die eigene Freiheit zu begraben.«
Ein langezogener Laut erklang. Vor uns sammelte sich eine lange Autoschlange, es wurde gehupt. Stau. Eine Blockade... Eine, wie ich sie so oft in meinem eigenen Leben erlebte, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Auf der Nebenspur schlug ein Mann aggressiv auf sein Lenkrad, ich sah seine Lippen, die sich bewegten, und ich war mir ziemlich sicher, dass er grade lautstark in sein leeres Auto hineinfluchte, wäre er doch anders abgebogen. Der Fremde auf dem Fahrersitz dieses Wagens, in dem ich saß, jedoch, machte keine Anstalten sich aufzuregen.
»Ja, das ist wohl wahr. Im Nachhinein bin jedoch dankbar, diese Erfahrungen gemacht zu haben, denn so hat man mir gezeigt, was es wirklich bedeutet zu leben... Haben sie erst einmal die Schattenseiten gesehen, dann wissen sie, warum es sich lohnt für hellere Tage zu kämpfen.« Langsam erschien es mir, als würden die weichen Stimmen der Moderatorin und der Besucherin ihren Weg zu meinem Unterbewusstsein finden, sich durch meine Gedanken schlingen, ohne dass ich mich dessen erwehren konnte. Ich presste die Hände auf die Ohren, denn ohne viel Nachdruck, ohne besonderes Leid ging mir diese Geschichte nahe. Viel zu nahe.
»Sie sagen also einerseits, es war nicht lobenswert, was sie gemacht haben, andererseits aber sind sie froh so gehandelt zu haben? Sind das die Schattenseiten von denen sie sprachen?« Ich schnappte nach Luft. Obwohl ich mir die Hände immer fester auf die Ohren presste, erklang die Stimme aus derm Radio noch genau so deutlich wie zuvor.
Der Stau löste sich auf, die Autos fuhren an, die beginnende Dunkelheit lud uns ein.
»Mister? Lassen sie mich bitte an der nächsten Kreuzung raus?«, flüsterte ich leise, verwirrt, tief getroffen. Ich bekam keine Antwort, ballte nur die Hände zu Fäusten und presste meine Fingernägel in meine Handflächen. Kurz darauf wurde der Wagen langsamer, und ich öffnete die Tür.
»Danke, dass sie... Ähm, - «, mein Blick irrte umher. In der Ferne glommen die Lichter der Stadt auf, die ich heute Mittag verlassen hatte. »Hier sind wir doch losgefahren?«, fragte ich stupiderweise, und meine eigene Stimme erklang mir abermals so unwirklich.
»Ja, und? Ich habe dir gezeigt, wie du deinen Weg zu gehen hast, und ich habe dich an den Punkt abgebracht, an dem du es wagen kannst, zurückzugehen. Deinen Weg finden, - das musst du schon selber.« Ich weiß nicht was ich erwartet hatte. Vielleicht einen Engel, einen Dämon, einen Pädophilen, Perversen oder sonstigen Triebtäter, aber ich hatte irgendetwas erwartet, dass diesen stummen Fremden einen Hauch von Besonderheit verlieh. Doch seine Stimme war normal. Unglaublich normal, fast schon zu normal. So unscheinbar. Er beugte sich vor, starrte mich einen Moment an, und ich wich zurück, von der Stärke, die aus seinen Augen sprach. Nachher hätte ich nichtmehr sagen können, welche Farbe sie hatten, aber ich weiß, dass sie das schönste waren, dass ich jemals gesehen habe. Der Motor startete, und das kleine, menschliche Auto reihte sich in die Schlange der anderen Fahrzeuge ein, und setzte seinen Weg fort.

Heute stehe ich auf der Veranda meines Hauses, blicke den Strand hinunter, wo mein Mann und mein Sohn spielen. Ich höre das fröhliche Lachen des Kindes, das ich überalles liebe, genau so wie die Stimme des Mannes, der mir alles bedeutet. Noch oft denke ich an das, was ich damals gehört habe. Dieser Tag, diese Nacht, werden wahrscheinlich immer unerklärlich bleiben, unverständlich für mich. Aber noch heute weiß ich genau, was die Radiomoderatorin und die Frau besprochen haben, und ich weiß, dass eben dieses Gespräch verantwortlich war, dass es mir nun so gut geht und ich so viel erreichen konnte. Ich habe mir zu Herzen genommen, was ich damals gehört habe, und habe angefangen den Kern von innen aufzulösen. 5 Monate, nachdem ich mit meinen Siebzehn Jahren von zu Hause weggelaufen war, kehrte ich zurück. Ich habe die Schule fertig gemacht und studiert. Heute arbeite ich als Ärztin, setze mich ehrenamtlich für viele Vereine ein, die Hilfe in armen Ländern mobilisieren wollen, und nehme kein Blatt vor den Mund, was meine Meinung betrifft.
Ich spüre den salzigen Wind, und ein Lächeln überkommt mich, wenn ich daran denke, was ich alles habe. Den fremden Mann habe ich nie wieder gesehen, aber als ich damals auf die Stadt zuging, sein Bild vor Augen, wusste ich, dass ich nicht alles bessern würde können, was besser werden müsste. Aber ich wusste, dass ich wenigstens meinen möglichen Teil dazu leisten könnte, und helfen könnte. Seit diesem Tag bin ich nie wieder getrampt.

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